Abstract von Charles Beer
 
Genf und die Mehrsprachigkeit: Die Rolle einer Sprachenpolitik – Zement oder Illusion?

Die Welt erlebt einen Paradigmenwechsel. Zwischen Globalisierung und Aufbruch in die Informationsgesellschaft stehen die derzeitigen Gesellschaften einer zunehmenden Bedeutung von Ausbildung angesichts politischer Herausforderungen gegenüber.

Die Frage nach Inhalten und Prioritäten von Ausbildung, den Ausbildungszeiten, der Heterogenität in der obligatorischen Schulausbildung und der Zusammenarbeit mit den privaten Belangen sind Gegenstand von Debatten. Die Diskussionen kreisen im Wesentlichen um eine Doppelachse: Integration und Elitedenken zum einen, Tradition und Modernität zum anderen. Die traditionellen Diskrepanzen verschwimmen auf Kosten neuer Antagonismen, die gleichermassen virulent sind.

Die Organisation der Pisa Studien seit 2000, welche die Kompetenzen der SchülerInnen beim Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften am Ende ihrer Pflichtschulzeit messen, wird zu einem internationalen Wettbewerb der Schulsysteme, welcher regelmässig an die Bedeutung erziehungspolitischer Herausforderungen erinnert. 

Die Frage der Sprachenpolitik, insbesondere im Rahmen der Schulpflicht, steht im Zentrum dieser Diskussionen und stellt einen Fokus der Debatten dar, welcher die Organisation der Erziehungssysteme betrifft. Die Aufnahme moderner Sprachen in die Curricula ist heute unerlässlich und wird durch drei unterschiedliche Gesichtspunkte legitimiert.

Wir werden als erstes den Aufbau Europas erwähnen, der von einem Friedensideal angeregt wurde. Dieses Ideal, erwachsen aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, findet in den Schulsystemen und bei der Ausbildung insbesondere von Sprachen konkreten Niederschlag. Empfehlungen und andere Resolutionen des Europarats und der Europäischen Union gehen unmittelbar in diese Richtung.

Die Globalisierung, gewichtiges Argument für den zunehmenden Austausch und die Entwicklung der Informationsgesellschaft stellen einen wichtigen Hebel in dieser Evolution der Ausbildung dar. Die Unternehmen, auch die, welche ihr Augenmerk auf die nationalen Märkte richten, verlangen immer mehr sprachliche Kompetenzen bei ihren neuen MitarbeiterInnen. Die Neuerungen, die Forschung und die Hochschulausbildung werden mit dieser Logik konfrontiert.

Schliesslich nehmen unsere Gesellschaften, im Sinne der Globalisierung und des starken Anstiegs der Migration, die diese mit sich bringt, eine neue multikulturelle Dimension an.

Die Schweizer Konföderation stellt eine Art kleiner Europäischer Union dar. Hier werden vier Sprachen gesprochen. Das konföderale Funktionieren basiert auf gegenseitigem Verstehen, insbesondere auf der Fähigkeit, den „Anderen“ in dessen Sprache zu verstehen.

Als Land der Immigration mit urbanen Zentren, welche einen ausgesprochen multikulturellen Charakter haben, versucht die Schweiz, ihre Schulsysteme dieser Evolution anzupassen. Als Nichtmitglied der Europäischen Union erlebt sie eine schmerzhafte Veränderung dahingehender Notwendigkeiten und verschafft der Vormachtstellung des Englischen, zentraler Sprache der Globalisierung, Platz. Das Konkordat „Harmos“, welches 2007 ausgearbeitet wurde und als Sprachgesetz im selben Jahr in Kraft trat, bezeugt diese schwierige Veränderung.

Buchstäblich gelähmt durch eine Form von Aberglaube, bei der die biblische Episode des Turms von Babel eine Grundlage sein könnte, sieht es so aus, als ob sich die Opposition gegen Harmos in den verschiedenen Kantonen als wesentlich gegen Sprachenpolitik herauskristallisiert und damit verschiedene Lehrerorganisationen mit populistischen politischen Gruppierungen verbindet.

Die Analyse der Vorgehensweisen, mit denen die Kantone dieser Adaptation begegnen, von der Grundschule bis zur Hochschule, und wie insbesondere Genf, Kantonshauptstadt und Sinnbild der Globalisierung und der Multikulturalität sich dieser Entwicklung stellen, erlaubt einen Blick auf die lokalen Fragestellungen einer Entwicklung, deren Parameter wesentlich von den globalen Umständen festgelegt wurden.